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Urmusikalisches Feuer
Der Bach Consort Wien
Ein noch junges Alte-Musik-Ensemble, dem Musikvereinspublikum allerdings bereits bestens bekannt, gastiert nach dem letzten großen Erfolg mit einem Programm rund um Bachs „Kaffee-Kantate“ nun wieder im Zyklus Musica Antiqua. Die Geschichte des Bach Consort Wien ist untrennbar verbunden mit der Geschichte des Gründers und künstlerischen Leiters Rubén Dubrovsky. Sein Zugang und seine Beziehung zur Musik, ja, wie es scheint seine gesamte Persönlichkeit spiegeln sich im Ensemble wider.
Buenos Aires ist die Geburtsstadt von Rubén Dubrovsky – eine Stadt, in die inder ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Künstlerfamilien aus allen europäischen Ländern flüchteten. Auch er selbst stammt aus einer dieser Familien, einer polnisch-italienischen, die Mutter ist Pianistin, die Schwester Malerin. „Buenos Aires hatte diese wirklich unglaubliche Dichte an großen europäischen Lehrern, die in einem neuen Land etwas Neues aufbauen mußten.“ Sein Cellolehrer war Russe, sein Harmonielehrer Schüler des in Buenos Aires tätigen Webern-Assistenten Erwin Leuchter, „der auch der Lehrer von Carlos Kleiber war. Und man darf nicht vergessen: Buenos Aires ist auch die Stadt einer Martha Argerich, eines Daniel Barenboim und anderer großer Künstler.“
Lebende Barockmusik
Neben der europäischen Tradition war es vor allem die Volksmusik, die für Dubrovsky prägend werden sollte. „Die argentinische Volksmusik ist eigentlich noch lebende Barockmusik. Spanische Barockmusik, die von der Landesbevölkerung aufgenommen und mit relativ wenigen Veränderungen bis heute bewahrt wurde.“ Zwar entschied er sich irgendwann für ein „seriöses“ Cellostudium, doch bemerkte er bald, welch wichtige musikalische Informationen er – ganz unbemerkt – aus der Volksmusik geschöpft hatte. Darin fand er und findet er heute noch „Empfehlungen, warum ich Tempi oder rhythmische Aspekte so will und nicht anders. Plötzlich habe ich verstanden, woher das kommt.“ Mindestens einmal im Jahr trifft er mit argentinischen Musikern im eigenen Ensemble Vihuel zusammen, um Volksmusik zu machen – auf historischen Instrumenten wohlbemerkt. „Das ist für mich ein Spaß und eine Freude, aber immer wieder auch ein Aufladen, ein ,Auftanken‘ von vorwiegend rhythmischen Aspekten, die man sehr gerne vergißt, wenn man vor Bachs fertigen Partituren steht.“
Glück der Frechheit
Aus der Studienzeit am Conservatorio Nacional in Buenos Aires sind dem Cellisten einige Begegnun- gen in besonders lieber Erinnerung geblieben: „In Buenos Aires hatten wir das große Glück, sehr frech sein zu dürfen. Mein erstes Kammermusikensemble war ein Streichquartett. Wir sind bei allen Streich- quartetten, die in der Stadt gastiert haben, nach dem Konzert zum Künstlerzimmer gegangen, haben angeklopft, und so hatte ich Unterricht beim Ama- deus-Quartett, beim Guarneri-Quartett, beim Melos-Quartett. Sie waren selbst neugierig, und ich habe nachmittagelang im Hotel bei großen Künst- lern gratis Unterricht haben dürfen. Oft bringt ein einziger Nachmittag Kontakt mit so einem Künstler mehr als ein ganzes Jahr Unterricht.“ Der natürli- che, unkomplizierte und kollegiale Umgang zwi- schen Lehrer und Schüler – auf diesen Erfahrungen baut er heute seine eigene Unterrichtstätigkeit auf, was so weit führt, daß er derzeit dabei ist, Russisch zu lernen, um die Verständigung mit seinen Studen- ten am renommierten Moskauer Tschaikowskij- Konservatorium, wo er regelmäßig Meisterkurse gibt, zu erleichtern.
Sechs Monate für eine Sonate
Nach einem Studienaufenthalt an der Musikhoch- schule Detmold verlegte Rubén Dubrovsky seinen Lebensmittelpunkt 1995 nach Wien und gründete hier vier Jahre später den Bach Consort Wien. Das war ein „interessanter Prozeß, der auch die eigene Entwicklung widerspiegelt“, erinnert er sich. Alles begann mit einem Klaviertrio, in dem er gemeinsam mit seiner jetzigen Ehefrau Agnes Stradner, einem Mitglied der in der Alte-Musik-Szene wohlbekann- ten Familie Stradner, und verschiedenen Pianisten das Klaviertrio-Repertoire spielte. „Wir haben auch Ravel und Schostakowitsch gespielt, doch der Wunsch nach immer früheren Werken verstärkte sich, es kam viel Mozart und Haydn, und wir waren beide auch sehr fasziniert von alten Instrumenten. Inso- fern war für uns das Wahre bald nicht mehr ein Kla- viertrio, sondern wir wollten dann beispielsweise Bach-Triosonaten spielen.“ Einen ersten Kern bildete die Formation Geige, Flöte, Cembalo und Cello. Mit welcher Ernsthaftig- keit von Anfang an gearbeitet wurde, zeigt die Pro- benarbeit etwa an einer einzigen Sonate, die durch- aus sechs Monate dauern konnte. „Deswegen haben manche Kollegen uns für verrückt erklärt, doch so haben wir unsere eigene Sprache finden können.“
Erst später wurde das Kernensemble ausgeweitet, „durch eine Oboe, noch eine Violine, und nach und nach konnten wir auf eine größere Literatur zurückgreifen“. Und noch ein wenig später fiel die Entscheidung, auch mit Sängern Kontakt aufzunehmen. „In diesem Moment hatten wir viel Glück, weil wir gleich die Möglichkeit hatten, mit Künstlerinnen wie Emma Kirkby und Bernarda Fink zusammenzuarbeiten. Zwei sehr unterschiedliche Sängerinnen, beide mit einer enormen Liebe zur Musik und der Jugend gegenüber sehr aufgeschlossen.“
Bach & Buenos Aires
Noch einmal einen Schritt zurück: Als es darum ging, dem Kind einen Namen zu geben, war klar, daß Johann Sebastian Bach die Patronanz übernehmen mußte. „Bach hat eine Mischung, die für mich sehr wichtig ist: aus Rationalität in der Struktur, einer absolut zwingenden Logik und diesem urmusikalischen Feuer. Vielleicht ist es wiederum das, was man damals in Buenos Aires finden konnte. Bach war für mich ein Komponist, der mir alles bieten konnte. Ich bin auch mit Brahms aufgewachsen, und auch ihn liebe ich nach wie vor, aber mein Zuhause ist eindeutig Bach.“ Furcht, Bach und somit dem Ensemblenamen nicht entsprechen zu können, war zu keiner Zeit vorhanden, vielmehr war es „so etwas wie sich selbst den Auftrag zu geben, Bach gerecht zu werden – was ja nicht so einfach ist, weil seine Musik so anspruchsvoll ist und weil viele Menschen es versuchen“.
Größtmögliche Freiheit
Ein wesentliches Charakteristikum des Bach Consort Wien erkennt der Zuhörer auf den ersten Blick, noch bevor der erste Ton erklingt. Der Grundidee einer solistischen bzw. minimalen Besetzung entsprechend wird im Stehen musiziert – ganz nach der Devise „So klein wie noch sinnvoll. Das bedeutet auch, daß jeder Instrumentalist seine eigene Stimme verkörpert, was sehr viel Durchsichtigkeit im Klang und sehr viel Persönlichkeit, sehr viel Lebendigkeit in den einzelnen Stimmen bringt. Deshalb denke ich, ist es besser, wenn jeder auch körperlich frei ist, genug Raum hat und sich mit seinem ganzen Körper ausdrücken kann. Als Cellist hat man sich ans Sitzen gewöhnt, und doch versuche auch ich, so viel körperlichen Platz zu gewinnen wie möglich. Dieses Bild einer Besetzung von wenigen, aber sehr aktiven Musikern ist untrennbar mit dem Bach Consort Wien verbunden.“
Glutvoller Gegenpol
So Bach-bezogen das Ensemble ist – es wird natürlich nicht nur Bach gespielt, und Rubén Dubrovsky weiß von einem begeisterten Zuhörer zu berichten, der nach dem Konzert meinte, der Bach Consort sollte doch eigentlich Vivaldi Consort heißen, so wunderbar wurden seine Werke interpretiert. Beim Oktober-Konzert des Bach Consort Wien im Musikverein wird das Publikum Ohrenzeuge des ersten reinen Händel-Programms. „Das ist für mich sehr spannend. Wenn man als Bach Consort Händel spielt, ist wohl auch die Erwartung eine andere, ist die Aufgabe eine andere, als wenn man Händel in einem gemischten Programm dazunimmt. Händel spielt als Bach-Gegenpol eine bedeutende Rolle. Er kann mit viel weniger Tönen als Bach ganz große Effekte erreichen, da ist eine große Leidenschaft in seiner Musik. Diese unheimliche Sparsamkeit, die man bei Händel findet – ich freue mich schon sehr auf dieses Programm!“
Ulrike Lampert
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